Von Fleischkonsum, Männlichkeit und Destruktivität (Teil 2)

adult-beef-bread-1025804

Hallo Ihr Lieben! Willkommen zum zweiten Teil meines Beitrags! Ich hoffe der erste Teil hat euch so neugierig gemacht, dass Ihr hier nun direkt in den zweiten Teil einsteigt. Es lohnt sich! Denn in diesem Beitrag liefere ich euch einen Grund dafür, wieso Männer zu viel essen und einen dafür, wieso das Fleisch auf dem Speiseplan des Mannes eine so wichtige Rolle spielt.

Männer essen öfter zu fettig und zu viel

Neben zu viel Fleisch und zu wenig Obst und Gemüse essen Männer laut der Nestlé Ernährungsstudie 2019 öfter als Frauen zu fett (31 im Vergleich 24 Prozent) und viel zu große Portionen (25 im Vergleich zu 15 Prozent).

Zudem bin ich noch über eine andere spannende Studie der Cornell University gestolpert. Die Ergebnisse von „Eating Heavily: Men Eat More in the Company of Women“ aus dem Journal „Evolutionary Psychological Science“ bestätigen die Hypothese, dass Männer wesentlich mehr essen, wenn sie mit Frauen speisen, als wenn sie mit anderen Männern essen.

Im Rahmen der Feld-Studie wurden 130 Teilnehmer, ohne es zu Wissen, bei einem „All you can eat“-Mittagsangebot beobachtet. Untersucht wurde der Pizza- und Salat-Konsum. Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass die Männer 93 Prozent mehr Pizza und 86 Prozent mehr Salat aßen, wenn Frauen anwesend waren.

Warum tun Männer das? In der Studie ist die Rede von „showing-off“ und „overeating as a demonstration of strength and energy“. Das heißt Männer möchten vor Frauen offensichtlich Stärke zeigen. Dieses risikoaffine Verhalten von Männern in der Anwesenheit von Frauen wurde in der Vergangenheit schon öfter in anderen Bereichen gezeigt, so die Studie.

In einer Korrespondenz mit dem Atlantic geht Kevin Kniffin, einer der Autoren der wissenschaftlichen Untersuchung der Cornell University, noch ein Stück weiter: Er zieht den Vergleich zu der Studie „Gender differences in the influence of personality traits on spicy food liking and intake“. „It is possible that the cultural association of consuming spicy foods with strength and machismo has created a learned social reward for men.”, so heißt es in der Studie. In anderen Worten: Frauen, die gern scharfe Soße essen, essen einfach gern scharfe Soße. Männer die scharfe Soße essen, mögen weniger die scharfe Soße als die Art von hartem Kerl, die sie vermeintlich sind, wenn sie scharfe Soße essen.

Überessen dient vielleicht ebenso als Signal dafür, dass eine Person gesund und stark genug ist, um ungesundes Verhalten verkraften zu können, so Kniffin. Wenn sich ein Mann noch ein Extrastück Pizza in den Mund schiebt, dann will er damit also vor allem zeigen, dass er so gesund und stark ist, dass er es sich leisten kann, seinen Körper mit zu viel und ungesundem Essen zu schaden (wieso auch mehr Salat verzehrt wurde blieb Gegenstand weiterer Untersuchungen).

Eine paradoxe Milchmädchenrechnung, wie ich finde. Aber sie findet in den Köpfen der Männer offensichtlich statt. In großen Teilen lässt sich dieses Paradoxon auch auf den Alkoholkonsum übertragen, wenn man sich zum Beispiel die Studie „Drinking Games as a Venue for Sexual Competition“ aus dem Journal „Evolutionary Psychology“ anschaut. Hierbei spielt aber zusätzlich noch einmal der Konkurrenz- bzw. Wettbewerbsgedanke zwischen Männern eine Rolle.

„Men appear to participate in drinking games more frequently than do women because their high investment in mating effort and high levels of social competitiveness cause them to be more motivated to participate in drinking games for competitive reasons.“, so heißt es in der Studie.

Fleischkonsum als Zeichen der Männlichkeit

blood-blur-butcher-1869711

Gern würde ich noch einen Ausschnitt aus einem Interview zitieren, das ich kürzlich zu diesem Thema auf GEO gelesen habe. In dem Interview wird Prof. Dr. habil. Johann Christoph Klotter, Gesundheits- und Ernährungspsychologe an der Hochschule Fulda zur Psychologie des Essens befragt.

„[…] Vor 120 Jahren haben in Deutschland noch 85 Prozent der Menschen in der Landwirtschaft gearbeitet – heutzutage sind es weniger als fünf Prozent. Das ist eine Entwicklung, die bei einem Großteil der Bevölkerung zu einer Entfremdung geführt hat: Vielen fehlt der Bezug zu Lebensmitteln, sie wissen nicht mehr, wie Nahrung hergestellt wird, woher das Essen stammt. Zum Teil wollen sie es aber auch nicht wissen. Dem Stück Fleisch im Supermarkt will kaum jemand ansehen, dass es von einem lebenden Tier stammt. Es darf nicht nach Fleisch riechen, nicht bluten, soll sauber sein, am besten unter Klarsichtfolie verpackt.

Ein Akt der Verdrängung.

Genau, der Prozess der Zivilisation bringt es mit sich, dass Aggression und Gewalt hinter die Kulissen verlegt werden. Das Töten wird schlicht verleugnet – auch wenn es Tag für Tag millionenfach stattfindet. Niemand will sich schuldig fühlen. Doch die archaischen Triebe des Homo sapiens lassen sich nicht so einfach ausradieren. Durch das Essen wiederholen wir unbewusst unsere Geschichte. Daher reproduzieren wir auch Sommer für Sommer eine Millionen Jahre alte Menschheitsevolution.

Woran denken Sie?

Beim Grillen feiern wir die Erfindung des Feuers. Grillen war nicht nur die erste Zubereitungsmethode zur Verarbeitung von Lebensmitteln – es steht auch dafür, dass Homo sapiens den Spieß umgedreht hat: Der Mensch war nicht mehr Beute, er erhob sich zum Herrscher der Welt. Grillfleisch symbolisiert den Sieg des Menschen über das Tier. Und wie selbstverständlich wird heute auf diesen Erfolg zurückgegriffen.

Lässt sich durch solche archaischen Muster auch erklären, warum vor allem Männer am Grill stehen?

Ganz sicher. Wir können uns – und mögen wir noch so zivilisiert sein – schwer von unseren biologischen Wurzeln trennen. Frauen sind das feinere Geschlecht, sie halten sich eher in der Küche auf, sind zuständig für das Kochen – das entwicklungsgeschichtlich eine revolutionäre Neuerung zum Grillen darstellt. Der Mann dagegen steht für das vergleichsweise Primitive, das Töten, das Grillen. Männer sind naturgemäß die Jäger, ihnen steht das größte Stück Fleisch zu, damit sie am nächsten Tag wieder genügend Kraft haben weiterzujagen. Archaische Geschlechtsrollenmuster sind der Grund dafür, dass Männer heute noch doppelt so viel Fleisch und Wurstwaren verzehren wie Frauen. Wir essen nicht nur Nährstoffe, sondern auch Symbole. Und Fleisch steht wie kaum etwas anderes für das männliche Geschlecht. […]“

Tja … nur bleibt heute von der ursprünglichen Jagd und dem Töten des Tieres lediglich das Essen übrig – oder wenn es hochkommt eben die vorgelagerte Zubereitung – doch irgendwie ein nicht-zeitgemäßes Symbol der Männlichkeit, oder?

Mein persönlicher Standpunkt

Wohin meine Tendenz geht, konntet Ihr sicherlich schon anhand der einen oder anderen Bemerkung erkennen. Ich persönlich habe mich schon längst von einer stereotypischen Ernährungsweise verabschiedet. Denn für mich sind  Aspekte wie Gesundheit, Nachhaltigkeit und Ethik wesentlich wichtiger als eine oberflächliche Profilierung durch meine Ess- und Trinkgewohnheiten. Außerdem empfinde ich es als sehr anstrengend, mich ständig mit dem zu beschäftigen, was ich (in meiner Rolle als Mann) tun sollte. Das ist mir mittlerweile einfach zu anstrengend – und das nicht nur in puncto Ernährung. Ich habe erkannt, dass es – mir persönlich – wichtig ist, mich gut zu fühlen und ich selbst zu sein. Das ist nicht immer leicht, denn gerade unter Männern ist es uncool, auf sich Acht zu geben – ob auf physischer oder psychischer Ebene. Wer sich nicht mit schlechtem Essen und Alkohol zerstört wird als schwach wahrgenommen. Diese paradoxe Destruktivität findet sich oft auch im beruflichen Kontext wieder: Wer sich nicht kaputt arbeitet wird ebenfalls als schwach wahrgenommen. Und mit dieser vermeintlichen Schwäche wollen Männer nicht in Verbindung gebracht werden, auch wenn es eigentlich weiser wäre, wahre Stärke zu zeigen, indem wir uns von dieser sinnlosen und lebensfeindlichen Fremdbestimmung befreien.

Mir bleibt eigentlich nicht mehr viel zu sagen. Ich hoffe einfach, dass die stereotypisch-männliche Ernährungsweise immer weiter ausstirbt – die Tiere würden es uns danken. Und falls es doch den einen oder anderen Wunsch danach gibt die eigene Männlichkeit durch einen möglichst hohen Fleischkonsum zu optimieren, dann sollten diese „Männer“ ihre Beute vielleicht einmal persönlich erlegen und verarbeiten – alles andere wäre doch irgendwie wenig männlich oder? Lasst uns doch versuchen wieder zu angemessenen Verhältnismäßigkeiten zurück zu finden. Das sage ich als Nicht-Vegetarier bzw. Nicht-Veganer. Das sage ich als jemand, der diese Produkte in angemessener Häufigkeit und Qualität sowie mit der notwendigen Demut und Würdigung verzehrt.

Passt auf Euch auf und bleibt gesund,

Euer Claudio

Ein Kommentar zu „Von Fleischkonsum, Männlichkeit und Destruktivität (Teil 2)

Gib deinen ab

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: